Sonne – Meer – Italien!

 

von Victoria Pröll

  

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Kapitel 1

 

Regen. Nichts als Regen sehe ich heute. Obwohl wir schon quer durch Österreich gefahren sind. Aber die Autofahrt geht noch ein paar Stunden weiter. Denn es geht nach Italien. Nein, nicht um Urlaub zu machen. Wir ziehen um! Warum gerad nach Italien? Dazu, muss ich euch ein bisschen was über mich erzählen.
Fabienne Felice ist mein Name. Mein Vater stammt aus Italien und lebt mit meiner Mutter in Österreich. Dort wurde auch ich geboren. Mein Vater unterrichtet Italienisch und findet es zum Verzweifeln, dass ich mit meinen 14 Jahren nicht weiß, woher mein Vater genau kommt, wo ich doch zur Hälfte Italienerin bin! Meine Mutter war schnell überredet und schon zogen wir nach Italien. Dass ich alle meine Freunde verlassen musste und kein Wort Italienisch konnte war meinen Eltern wohl egal. Na gut. Ich hab ja keine andere Wahl. Wenigstens ist das Wetter in Italien besser als in Österreich. Obwohl man davon noch nicht viel merkte. Der Regen ließ kein bisschen nach.

Die Sonne blinzelte mir ins Gesicht als ich meine Augen öffnete. „Wir sind da!“, sagte mein Vater und drückte auf die Hupe unseres Autos. Ich musste wohl den Rest der Reise geschlafen haben. Als mein Vater uns voller Stolz unser neues Zuhause zeigte, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Das Haus war nicht irgendein Haus. Es war ein Strandhaus. Keine 20 Meter entfernt glänzte das Meer.

Sonnenuntergang am Meer
Ich hatte meinen eigenen Balkon mit Blick auf das Meer. Es wurde schon Abend und ich erlebte meinen ersten Sonnenuntergang in Italien auf meinem eigenen kleinen Balkon.

 

 

 

 

„Sonnenuntergang"; Computergraphik von Dellex, 2008, aus Wikimedia
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sonne_Meer_und_M%C3%B6we.jpg

 

 

Kapitel 2

 

Da ich nicht Italienisch kann, ist es für mich fast unmöglich eine italienische Schule zu besuchen. Aber weil mein Vater auch nicht will, dass ich tagelang nur am Strand liege, hat er nach Schulen für deutsche Kinder gesucht. Natürlich hat er auch eine gefunden.

 

An meinem ersten Schultag (der mitten im Jahr stattfand), wurde ich nicht besonders freundlich begrüßt. Alle haben mich ignoriert und haben so getan als wäre ich Luft. Aber ich machte mir nicht viel daraus und versuchte den Schultag so schnell wie möglich irgendwie vorüberzubringen.

 

Als ich zu Mittag in der kleinen Cafeteria saß, kamen plötzlich ein paar Mädchen auf mich zu. „Du sitzt auf unserem Platz“, sagte ein schlankes Mädchen mit langen braunen Haaren zu mir. „Ahm, wie bitte?“, fragte ich nach. „Du hast schon richtig verstanden. Hau endlich ab!“, sagte ein anderes, etwas kleineres, Mädchen neben ihr. Ich stand von der Bank auf und irrte hilflos in der Cafeteria auf der Suche nach einem leeren Tisch herum. „Hier, bei uns ist noch Platz“, hörte ich ein Mädchen sagen. Sie hatte blonde, schulterlange Haare und haselnussbraune Augen. Sie deutete auf den Platz neben ihr. Obwohl ich nicht wirklich dorthin wollte, bewegten sich meine Füße von selber in ihre Richtung. Vielleicht war das ja der erste Schritt um Freunde zu finden.

 

„Du hast also gerade schon Bekanntschaft mit unserer „Königin“ gemacht“, sagte das Mädchen. „Ahm ... Königin?“, fragte ich entgeistert. „Eigentlich heißt sie Tamara. Aber sie führt sich auf wie eine Königin. Darum nennen wir sie auch so“, erklärte mir ein anderes Mädchen, das ebenfalls am selben Tisch saß. Königin, soll das etwa eine Beleidung sein? Hört sich nämlich nicht so an aber vielleicht ... „Ich bin Lucrezia“, sagte das Mädchen mit den blonden Haaren. „Und das ist Elisa“, sie zeigte auf das Mädchen neben ihr. „Ich bin Fabienne“, antwortete ich ihnen. „Wo kommst du her?“, fragte mich Alisa. „Du siehst nicht wirklich, naja wie soll ich sagen, italienisch aus“, fügte Lucrezia hinzu. „Ich komme aus Österreich. Mein Vater ist Italiener und wir sind vor kurzem hergezogen“, antwortete ich ihnen. Und so fand ich meine ersten Freunde in Italien.

 

 

Kapitel 3

 

 

Jede Mittagspause verging gleich. Ich aß am gleichen Tisch mit den gleichen Freunden das gleiche langweilige Essen. Tamara würdigte mich keines Blickes. Aber ich hatte irgendwie eine kleine Ahnung, dass sie etwas beschäftigte. Das war natürlich völliger Schwachsinn. Woher sollte ich wissen was Tamara fühlt? Ich bin ja nicht in ihrem Körper oder so.

 

Letzte Stunde vor dem Wochenende. Geografie. Partnerarbeit. Meine Partnerin? Tamara. Die Aufgabenstellung: Sprecht über verschiedene Länder.

 

Dass Tamara nicht zufrieden mit ihrer Partnerin war, erkannte ich sofort. Aber hey, ich war es auch nicht! „Also, ich wollte ja schon immer mal nach Australien“, versuchte ich eine Konversation zu beginnen. „Wow toll, und wer wollte das jetzt wissen?“, antwortete sie energisch. „Wir sollen doch über Länder sprechen. Und wie es aussieht, weißt du nicht sehr viel darüber“, konterte ich. „Das einzige Land wo ich hin will ist Nordamerika“, erklärte sie mir. „Ahm... das... das ist ein Kontinent“, versuchte ich ihr zu erklären.

 

Ich glaube, ich muss nicht viel mehr sagen, die Stunde verlief nicht sehr gut.

 

Das Klingeln der Schulglocke läutete das Wochenende ein. Ich, Lucrezia und Elisa haben ein gemeinsames Wochenende geplant und ich freue mich echt riesig darauf! Zuerst gehen wir shoppen, danach ins Kino und dann werden wir alle gemeinsam bei Lucrezia übernachten.

 

Dieses Wochenende kann ich kaum erwarten!

 

Meine Mutter hat den Umzug nicht schlimm gefunden. Sie findet überall neue Freunde, hat sie gemeint. Sie hat natürlich auch schon wieder welche gefunden. Und was für welche! Ihre „neue beste Freundin“ ist niemand geringerer als Tamaras Mutter! Und weil die beiden sich ja schon so gut verstehen, hat Tamaras Mutter unsere ganze Familie zum Essen eingeladen. „Ihr kennt euch erst ein paar Tage und sie will uns schon zum Essen einladen? Da stimmt doch irgendetwas nicht!“, versuchte ich meine Mutter von der Einladung abzubringen. „Du solltest mehr Vertrauen haben. Das wird bestimmt lustig. Sie hat auch eine Tochter in deinem Alter. Ihr könnt bestimmt Freundinnen werden“, antwortete meine Mutter.

 

„Wann soll das Essen denn sein?“, fragte ich, weil ich wusste, dass ich keine andere Möglichkeit hatte. „Heute Abend“, antwortete sie.

 

 

Kapitel 4

 

 

„Heute Abend?“, fragte ich entgeistert. „Ja, heute Abend. Ist das etwa ein Problem?“, antwortete meine Mutter. Ich hätte auch lügen können und einfach sagen, dass Lucrezia, Elisa und ich einen gemeinsamen Abend geplant hätten. Aber den haben wir erst morgen. Und zwei Abende hintereinander glaubt sie mir das sowieso nicht. Also gab ich es auf und suchte mir ein Outfit.

 

Bei Tamara angekommen, dachte ich zuerst, dass Tamara gar nicht zuhause ist, denn sie hatte uns, im Gegenteil zum Rest der Familie, nicht an der Haustür empfangen.

 

Das Haus war groß und modern gebaut. Der Essbereich war schön dekoriert und der Tisch war gedeckt. Wir setzten uns alle an den Tisch. Allerdings blieb ein Stuhl leer. „Entschuldigt mich kurz. Ich hole meine Tochter auch noch. Normalerweise ist sie immer pünktlich“, erklärte uns Tamaras Mutter. „Wahrscheinlich weiß sie, dass ich hier bin und kommt absichtlich nicht runter“, dachte ich mir.

 

Ein paar Minuten später kam Tamara mit ihrer Mutter in das Esszimmer. Sie würdigte mich keines Blickes und fragte ihre Mutter, ob sie ihr mit dem Essen helfen könne. „Ein sehr fleißiges Mädchen“, flüsterte mir meine Mutter zu. „Und so höflich“, fügte sie hinzu. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, obwohl der Abend alles andere als zum Lachen war.

 

Wie schon gestern bemerkte ich, dass Tamara etwas beschäftigte. Ja, ich fühle es richtig. Als würde ich in ihrem Körper stecken und genau wissen was mit ihr los ist.

 

Der Abend verlief, für mich jedenfalls, in Zeitlupe und ich dachte er würde nie enden. Als ich fast einschlief, beschloss meine Mutter zu gehen.

 

 

Kapitel 5

 

„Und dann hat sie ihre Mutter gefragt, ob sie ihr mit dem Essen helfen könne“, erzählte ich Lucrezia und Elisa am Telefon. „Tamara? Nicht zu fassen“, sagte Lucrezia. „Unvorstellbar“, fügte Elisa hinzu. „Ich muss aufhören. Meine Mutter braucht Hilfe. Wir sehen uns dann heute Abend bei Lucrezia.“, mit diesen Worten beendete ich das Gespräch und ging zu meiner Mutter. Sie ersuchte mich, ihr beim Kochen zu helfen.

„Bring mir doch bitte das Salz“, bat sie mich. „Das Salz ..ahm ... wo haben wir das Salz noch schnell?“, fragte ich meine Mutter. „Die kleine Lade links. Seit wann weißt du denn nicht wo wir das Salz haben? Wir haben es immer in derselben Lade“, sagte meine Mutter verwirrt. „Ich bin vielleicht nur ein bisschen müde“, konterte ich. „Dann leg dich am besten etwas hin. Du siehst auch wirklich nicht besonders fit aus“, sagte meine Mutter und schickte mich ins Bett.

Ich schlief nicht besonders gut. In meinem Kopf schwirrten Gedanken umher. Schule, Freunde, Familie, alle kamen vor. Mir fielen Sachen ein, an die ich normalerweise nie denke. Warum suche ich mir eigentlich nie andere Freunde? Ich bleibe immer bei Lucrezia und Elisa. Ich könnte doch auch etwas mit Tamara unternehmen. Was? Habe ich das gerade wirklich gedacht? Ich wache auf.

Alles um mich herum war irgendwie anders. Es war nicht mein Zimmer in dem ich lag. Hatte mich jemand entführt und in einem – zugegeben echt coolen – Zimmer eingeschlossen? Ich stieg langsam aus dem Bett und ging auf die Tür zu. Ich legte meine Hand auf die Türklinke und drückte sie nach unten. Ich hörte Stimmen. Fremde aber doch vertraute Stimmen. Alles hier war so anders. Doch als die fremde Stimme näher kam, erkannte ich den Körper dazu!

Tamaras Mutter!

 

 

Kapitel 6

 

 

„Tamara? Kommst du bitte runter? Ich muss dir jemanden vorstellen!“, rief Tamaras Mutter vom unterem Stockwerk herauf.

 

Ich muss hier weg! Mir fielen plötzlich tausend Möglichkeiten ein, aber mir schien keine richtig. Verstecken! Genau, ich verstecke mich einfach! Ich durchsuchte den Raum nach einem passenden Versteck. Der Schreibtisch bot nicht viel Platz und die erste Person, die den Raum betrat, würde mich sofort sehen. Als ich den Kleiderschrank öffnete, fühlte ich mich als würde ich mittendrin in einem der angesagtesten Shoppingläden der Welt stehen. Alle bekannten Marken waren vertreten und alle Kleider sahen aus, als wären sie nur in diesem Schrank enthalten, weil es sie sonst nirgendwo ein zweites Mal gab.

 

Ein Klopfen an der Zimmertür riss mich aus meinem Kleidertraum und ich stellte mich mitten unter die Kleider und zog die Schranktür von innen zu.

 

„Tamara? Bist du hier?“, hörte ich Tamaras Mutter fragen. „Bitte öffne nicht die Schranktür. Bitte öffne nicht die Schranktür!“, flehte ich in meinen Gedanken. „Vielleicht ist sie noch nicht zu Hause. Warten wir doch unten auf sie“, sagte ihre Mutter und durch das Klicken der Tür wusste ich, dass sie den Raum verlassen hatten.

 

Ich öffnete die Schranktür und bewegte mich langsam wieder in das Zimmer. Ich musste einen anderen Ausweg finden. Ich schlich leise durch das Haus, blieb aber immer auf demselben Stockwerk. Ich erkannte das Haus schnell wieder. Tamara wohnte hier. Aber wie bin ich hierher gekommen? Ich wollte mich so leise wie möglich durch die einzelnen Räume schleichen, weil ich wusste, dass Tamaras Mutter da unten mit irgendwem auf Tamara wartete. Nicht auf mich.

 

Die einzelnen Räume waren groß und schön. Als ich aber die Tür zum Bad öffnete, hätte ich am liebsten losgeschrien. Vor mir stand ein Spiegel und in diesem Spiegel sah ich nicht mich, sondern Tamara! Ich war in ihrem Körper!

 

Kapitel 7

 

„Da bist also schon zu Hause. Komm bitte mit nach unten. Ich möchte dir jemanden vorstellen“, sagte Tamaras Mutter, die plötzlich hinter mir stand.

„A…aber ...“, stotterte ich. Ich wollte einfach nur raus hier. Ich wusste nicht warum ich hier war. Und warum mein Körper und mein Verstand nicht am selben Ort waren. „Jetzt zier dich nicht so und komm mit nach unten“, flehte Tamaras Mutter.

Als ich die riesige Treppe nach unten ging, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Wer auch immer da unten sein mag, was soll ich sagen? Tut mir leid, aber ich bin nicht die, für die sie mich halten?

„Du bist also Tamara. Es freut mich, dich endlich kennenzulernen“, begrüßte mich ein großer, schlanker Mann. Er hatte braune Haare und mit seiner blauen Jean und dem T-Shirt sah er nicht besonders streng aus.

Er muss wohl bemerkt haben, dass ich keine Ahnung hatte, wer vor mir – beziehungsweise vor Tamara – stand, denn er fügte schnell hinzu: „Oh wie unhöflich von mir mich gar nicht vorzustellen. Mein Name ist Florian. Deine Mutter hat mir von deiner Begabung erzählt. Du sollst eine wundervolle Stimme haben“, schwärmte er dahin. „Ach, hab ich das?“, fragte ich entgeistert. Mein Blick wanderte im Raum umher in dem wir standen. Er war riesig. „Du bist immer so bescheiden“, kicherte Tamaras Mutter. „Sie müssen wissen, sie ist fantastisch“, fügte sie hinzu. „Willst du uns nicht eine kurze Kostprobe geben?“, fragte Florian. „A..ahm ... also ... ich bin etwas heiser“, log ich. Ich konnte noch nie singen. Und nur weil ich jetzt in einem anderen Körper stecke wird sich daran nichts geändert haben. Aber plötzlich fielen mir Songtexte die ich nie auswendig gelernt hatte.

Ich stecke also in Tamaras Körper. Habe ich deswegen auch ihre Begabung?

 

 

Kapitel 8

 

 

„Hast du irgendein Lieblingslied? Oder ein Lied, das du besonders gerne singst?“, fragte Florian. Ich merkte schnell, dass ich ohne ein „kleines, privates Konzert“ hier nicht raus kam. „Rolling in the Deep von Adele. Kennen Sie das?“, fragte ich. Und plötzlich hatte ich keine Angst mehr hier zu singen. Noch bevor er mir eine Antwort gab kamen bereits die ersten Töne aus meinem – oder Tamaras – Mund.

 

Das Lied ist nicht einfach zu singen. Adeles Stimme ist sehr kräftig. Doch es fiel mir nicht schwer und an den Gesichtern von Florian und Tamaras Mutter wusste ich, es gefiel ihnen. Das Lied war zu Ende, die Vorstellung vorbei. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also lächelte ich einfach und hoffte, dass einer der beiden etwas sagte. „Wow“, sagte Florian. Ich denke, er war genauso sprachlos wie ich. „Diese Stimme darf nicht versteckt werden. Aus dir können wir noch einen Star erschaffen. Lisa, deine Tochter ist ein Wunder!“, schwärmte Florian. Erst zu diesem Zeitpunkt fand ich heraus, dass Tamaras Mutter Lisa heißt.

 

Nach langem Reden und Zukunft Planen verabschiedete sich Florian und versprach, sich so früh wie möglich wieder zu melden, denn er wollte aus Tamara unbedingt eine „große Nummer“ machen.

 

„Das ist alles so aufregend“, rief Lisa ganz verzückt, nachdem Florian das Haus verlassen hatte. „Ja, alles sehr aufregend. Aber ich bin müde. Ich gehe ins Bett“, verabschiedete ich mich und ging auf „mein“ Zimmer.
Ich ließ mich in das riesige Doppelbett fallen und starrte die Decke an. Für einen kurzen Augenblick vergaß ich die Welt rund um mich und schloss meine Augen. Ich schlief eine Weile. Tamaras Handy weckte mich. Ein Anruf. Eine nicht eingespeicherte Nummer. Es war meine Nummer.

  

Kapitel 9


 

Ein Anruf von Fabienne? Aber ich bin doch hier. Wie soll ich mich selbst anrufen? Tamara! Sie muss in meinem Körper stecken. Ich nahm das Telefon und drückte auf den grünen Knopf. „Hallo?“, fragte ich vorsichtig und leise. „Fabienne? Bist du das? Was ist hier los? Warum bin ich du? Wo bist du?“, Tamara überhäufte mich mit Fragen. „Tamara, bleib ruhig. Ich weiß genauso wenig wie du. Wir müssen uns irgendwo treffen“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Okay. Aber noch bevor morgen die Schule wieder beginnt“, erinnerte sie mich. „Die Schule“, sagte ich. „Die habe ich ja völlig vergessen. Ich wäre verloren in deinem Körper“, antwortete ich. „Du meinst wohl beliebt“, korrigierte mich Tamara. „Das ist doch jetzt nicht wichtig“, murmelte ich ins Telefon. „Wir müssen erstmals wieder in unseren alten Körper“, fügte ich hinzu. „Und wie?“, fragte Tamara. „Kannst du zaubern? Wir wissen doch nicht einmal warum das alles überhaupt passiert ist“, zickte sie rum. „Damit du bemerkst, dass es andere Menschen außer dich auch gibt. Und dass du nicht jeden wie den letzten Dreck behandeln kannst“, nuschelte ich recht undeutlich, damit sie mich nicht verstand. „Ich habe zwar keine Ahnung was du gesagt hast, aber wir treffen und in 10 Minuten im Stadtpark. Hoffentlich finden wir irgendwie eine Lösung“, sagte Tamara und beendete somit das etwas unangenehme Telefonat.

 

10 Minuten. Von Tamaras Haus sind es gerade mal drei Minuten bis zum Park. Ich habe also noch etwas Zeit. Und was erzähle ich Tamaras Mutter? Wenn ich ihr sage, dass ich mich mit mir, also Fabienne, treffe, wird sie sich bestimmt freuen, weil das heißt, dass wir dann Freunde werden, oder irgend so etwas. Aber das stimmt nicht. Und das würde sie Tamara bestimmt nachtragen.

 

Sieben Minuten sind noch übrig. Die Zeit läuft. Und dann sehe ich „mich“.

 

Kapitel 10


 

Als ich im Park angekommen war, atmete ich erst mal kurz auf. Es ist doch ein komisches Gefühl sich selbst zu treffen oder? „Fabienne! Da bist du ja! Wir müssen das alles sofort rückgängig machen!“, schrie Tamara fast durch den ganzen Park. Ich war froh, dass an diesem Tag nicht viele die Idee hatten in den Park zu gehen. Trotzdem war mir dieses Gespräch von Anfang an unangenehm. „Ich weiß nicht wie wir das alles rückgängig machen können. Ich habe auch keine Ahnung warum das alles passiert ist.“, antwortete ich ihr. Etwas genervt, ehrlich gesagt, denn ich konnte auch nichts für diese Umstände. „Morgen fängt die Schule wieder an. Und in etwa einer Stunde wird die Sonne untergehen. Was sollen wir also tun?“, fragte mich Tamara. „Wir tun nichts.“ „Nichts?“ „Genau. Nichts. Wir haben auch nichts Besonderes getan bevor wir ... naja ... bevor wir die Welt des anderen gesehen haben. Wir gehen jetzt beide nach Hause, gehen ins Bett und schlafen. Morgen sieht die Welt, hoffentlich, wieder ganz anders aus. Einverstanden?“, fragte ich. „Einverstanden. Etwas anderes bleibt uns wahrscheinlich nicht übrig.“, sah Tamara ein.

 

Die Sonne hatte den Abendhimmel schon verlassen und ich wollte so schnell wie möglich zurück zu Tamaras Haus. Ich war mir sicher, dass ich zwar in einem falschen Körper einschlafen doch in meinem eigenem wieder aufwachen würde.

 

Der Wecker klingelte. Es war Montag. Als ich den Wecker abstellte, wusste ich bereits, dass meine Hoffnungen sich nicht erfüllt hatten. Ich war immer noch in dem Körper von jemand anderem. Und das würde sich vor dem heutigen Schultag nichtmehr ändern. Ich musste also diesen Tag überstehen.

 

„Guten Morgen. Willst du etwas frühstücken?“, fragte mich Tamaras Mutter. „Nein, danke. Ich gehe gleich zur Schule.“, antwortete ich und verließ das Haus.

 

„Lucrezia! Elisa! Guten Morgen!“, rief ich den beiden im Schulflur zu. Ihre verblüfften Blicke erinnerten mich daran, dass ich nicht ich war. Ich ging schnell in meine Klasse. Eigentlich sollte ich Tamara suchen, doch diese Suche konnte ich mir ersparen, denn sie saß bereits in der Klasse. Ihr Blick verriet mir, dass auch sie nicht besonders glücklich über die Tatsache war, dass sie diesen Tag als jemand anderer verbringen musste. Doch da war sie nicht die einzige.

 

Der Schultag war kurz. Doch trotzdem anstrengend. „Heute um 15 Uhr im Park.“, sagte Tamara zu mir bevor sie die Schule verließ. Ich hatte mehr als genug Zeit, darum wollte ich mich vor dem Treffen mit Tamara noch einmal ausruhen. Ich legte mich in ihr Bett und schlief ein.

 

„Fabienne? Bist du zu Hause?“, hörte ich eine vertraute Stimme durch den Hausflur sagen. Spiegelbild„Ja bin ich. Und ich habe … will … eigentlich auch nicht gestö ... Warte, wie hast du mich genannt?“ Sie hatte Fabienne gesagt. Nicht Tamara. Hieß das, ich bin wieder ich? Ich sprang aus meinem Bett und lief ins Badezimmer. Tatsächlich. Ich sah mich im Spiegel. Mich, Fabienne. Auch Tamara war nun wieder in ihrem Körper wie sie mir durch ein Telefonat mitteilte. 

„Spiegelbild“ aus http://www.harekrsna.de/artikel/spiegel-welt.htm

 

Einige Wochen sind bereits vergangen seit diesem Zwischenfall zwischen Tamara und mir. Wir haben beide nicht verstanden, was da vorgefallen ist. Vielleicht hatten wir beide auch nur denselben Traum. Aber auch das ist ziemlich ungewöhnlich. Doch ich war für ein paar Tage sie, und sie war ich. Wir haben das Leben des anderen kurz kennengelernt. Wir sind zwar immer noch keine besten Freundinnen, doch wir verstehen uns jetzt besser.

 

 

 

Manchmal muss man sich nur in jemanden hineinversetzen um ihn zu verstehen!